SEQUENZANALYSE (DER OBJEKTIVEN HERMENEUTIK)
"Die Sequenzanalyse geht von der elementaren Feststellung aus, daß alle Erscheinungsformen von humaner Prraxis durch Sequenziertheit strukturiert bzw. konstituiert sind. Darunter wird hier nicht die triviale Form von Temporalisierung im Sinne eines zeitlichen Nacheinanders verstanden, sondern der nicht-triviale Umstand, daß jegliches Handeln und seine kulturellen Objektivierungen qua Regelerzeugtheit soziales Handeln sind. Und Regelerzeugung impliziert, daß die auch temporal sich manifestierende Sequentialität nicht auf ein Ursache-Wirkungs-Bedingungsverhältnis, sondern eine sinnlogische Grund-Folge-Beziehung zurückgeht - analog zu einem Algorithmus im Sinne einer rekursiven Funktion. Regelerzeugung bedeutet in sich Sequenzierung. Jedes scheinbare Einzel-Handeln ist sequentiell im Sinne wohlgeformter, regelhafter Verknüpfung an ein vorausgehendes Handeln angeschlossen worden und eröffnet seinerseits einen Spielraum für wohlgeformte, regelmäßige Anschlüsse. An jeder Sequenzstelle eines Handlungsverlaufs wird also einerseits aus den Anschlußmöglichkeiten, die regelmäßig durch die vorausgehenden Sequenzstellen eröffnet wurden, eine schließende Auswahl getroffen und andererseits ein Spielraum zukünftiger Anschlußmöglichkeiten eröffnet." Oevermann (2000), S. 64
"Die Sequenzanalyse rückt (...) in den Mittelpunkt die analytische Differenz und den Kontrast zwischen dem der empirischen Wirklichkeit selbst angehörigen Spielraum von Möglichkeiten (erzeugt durch Parameter I) und den faktisch getroffenen Auswahlen, die als Entscheidungen der je handelnden Praxis angesehen werden können." Oevermann (2000), S. 130
"Für die Sequenzanalyse, der die Krise zum Normalfall wird, ist jede Sequenzstelle die Stelle eines 'kleinen Todes', insofern dort durch erzwungene, wenn auch faktisch routinehafte Auswahl Möglichkeiten unwiederbringlich ausscheiden." Oevermann (2000), S. 133
Sequenzanalyse (holzschnittartig)
- der Spur des Falles schrittweise folgen (diachronische Betrachtung) - Abdecktechnik, d.h. alle bis auf die bereits interpretierten oder schrittweise zu interpretierende Zeile(n) mit Blatt oder anders abdecken - schrittweise Interpretation der Bedeutung von Äußerungen - Welche Äußerung kann anschließen (Hypothesenbildung angesichts Zukunftsoffenheit)? - Überprüfung der Hypothesen: welche Äußerung schloss tatsächlich im fortlaufenden Fall an (Realisierung der Zukunft) ? - Was bedeutet die Realisierung dieser und nicht jener Äußerung (Fallstruktur)?
Sequenzanalyse des polizeilichen Interaktionshandelns am Polizeinotruf
1. Der Spur des Notruftextes schrittweise folgen; Beginn mit der ersten Textzeile. Abdecktechnik einsetzen, d.h. alle bis auf die bereits interpretierten oder schrittweise zu interpretierende Zeile(n) mit Blatt oder anders abdecken 2. Zeilenweise Textinterpretation 3. Hypothesenbildung. Welche Äußerung des Polizeibeamten sollte idealerweise anschließen ? 4. Hypothesenüberprüfung. Welche Äußerung schloß im fortlaufenden Fall faktisch an ? 5. Wie ist die Realisierung dieser und nicht jener Äußerung im Hinblick auf die Institution des Notrufs (Stichwort: Normalfall) zu bewerten ? 6. Dann wiederum 3 7. Dann 4 8. Dann 5 9. Dann 3 10. usw. bis zum Ende des Textes
Zum Verhältnis von expliziter Analyse (in der Wissenschaft) und der Notwendigkeit abkürzender Interpretation (in der Praxis)
"Der Praktiker muß (...) das Modell [der Sequenzanalyse, T.L.] in seiner Explizitheit kennen, um es in der unter Zeitdruck stehenden Praxis so abkürzen zu können, daß dabei kein verzerrender Gestaltfehler unterläuft und das Modell dem 'Geiste nach' richtig erhalten bleibt." Oevermann (1993), S. 245 f.
"Der objektive Hermeneut weiß genau, daß er nichts anderes tut, als unter der privilegierten Voraussetzung der Praxisenthobenheit, das heißt ohne Zeitdruck, mikrologisch detailliert Zusammenhänge zu studieren, die der Praktiker gestaltrichtig intuitiv in einer gemessen daran unglaublichen Geschwindigkeit und Treffsicherheit erfassen können muß, und er bewundert, je länger er sein Geschäft betreibt, die Reichhaltigkeit der Strukturen, die er analysiert, und die Klugheit der Praxis, die sie produziert, ohne auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß die kritische Distanz seiner Analysemethode mit der Befähigung für das Tun, das er untersucht, absolut nichts zu tun hat. Deshalb auch verbindet sich ihm die Kritik seines analytischen Urteils wie selbstverständlich mit dem Respekt vor der Wirklichkeit gestaltenden Praxis." Oevermann (1993), S. 247 f.
Literatur
Oevermann, U. (1993): Struktureigenschaften supervisorischer Praxis, in: B. Bardé / D. Mattke (Hgg.): Therapeutische Teams. Theorie - Empirie - Klinik. Göttingen / Zürich, S. 141-169
Ders. (2000): Die Methode der Fallrekonstruktion in der Grundlagenforschung sowie der klinischen und pädagogischen Praxis, in: Kraimer, K. (Hg.): Die Fallrekonstruktion. Sinnverstehen in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Frankfurt a. M., S. 58 ff.
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